Heute trifft morgen – der Abend für Vordenker

Top-Entscheider und die Vordenker diskutieren erstmals gemeinsam über Digitalisierung, Diversity – und die Dynamik einer post-faktischen Gesellschaft.

Nia Künzer wird in Botswana geboren. Sie wächst mit acht Pflegegeschwistern und einem leiblichen Bruder auf. Erst in Afrika, später in einem hessischen Kinderdorf. Vielfalt kennt die ehemalige Profifußballerin damit von Kindesbeinen an. Dabei hat sie eines gelernt: „Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt“. Sie hat begriffen, dass sie sich durchsetzen muss, aber auch dass sie zurückstecken muss. Und sie hat ihren Kampfgeist entwickelt, der eines ihrer wichtigsten Erfolgsgeheimnisse als Sportlerin wird, die später mit ihren Mannschaften mehrfache deutsche Meisterin und sogar Weltmeisterin wird.

Die Teilnehmer der Masterclass Diversity hören ihr genau zu, bei diesem ersten Treffen der Vordenker-Community. Sofort diskutieren sie los: Ist Vielfalt ein Selbstzweck oder muss sie im Zusammenhang mit den Unternehmenszielen stehen? Wie wichtig ist eine Frauenquote? Wird Diversität nicht immer noch zu eng gedacht, weil sie mehr als eine Frage des Passes und des Geschlechts ist? Künzer und BCG-Partnerin Rocío Lorenzo, die gemeinsam die Masterclass leiten, müssen kaum noch eingreifen. Die Toptalente und die ebenfalls anwesenden Topmanager aus der deutschen Wirtschaft sind kaum zu stoppen.

Innovation Vielfalt

Eingeladen hatten am 24. November Carsten Kratz, Deutschlandchef der Boston Consulting Group, und Miriam Meckel, Chefredakteurin der WirtschaftsWoche – mit dem Anspruch „nachzudenken, um vorzudenken“. In den Düsseldorfer Räumen von BCG kommen mehr als 100 Gäste zusammen und debattieren engagiert über die Ansprüche an Führungskräfte in Zeiten der Digitalisierung, die Bedürfnisse vielfältiger Teams und die Herausforderung, in chaotischen Zeiten vorauszuplanen. Viel Futter zum Nachdenken liefern hochkarätige Gäste wie Frank Mastiaux, Chief Executive Officer des Energieversorgers EnBW, Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, und Rohan Silva, Berater für Digitalthemen des ehemaligen britischen Premierministers David Cameron.

Graf Lambsdorff gibt in seinem Impulsvortrag einen Überblick über die aktuellen Brennpunkte der Weltpolitik wie Russland, Türkei, Syrien oder Libyen. Da deren Regierungen sich oft völlig unberechenbar verhielten, so der Europa-Politiker, sei es nur möglich, in Szenarien vorauszudenken und zu planen. Völlig an ihre Grenzen gerate die Politik, wenn Diskussionen durch eine „post-faktische Haltung“ geprägt seien, also gefühlte Gewissheiten wichtiger als eindeutige Fakten seien – so wie bei den Auseinandersetzungen um das Freihandelsabkommen TTIP und während des Wahlkampfes in den USA.

45 Minuten zum Reflektieren

Anschließend diskutieren die Gäste in den zwei Masterclasses: über Digitalisierung und eben über Diversity. Umfragen unter den Teilnehmern vibcg-vordenker-at5i4539-kopiea Smartphone liefern jeweils erste Stimmungsbilder, etwa welche Eigenschaften ein Digital Leader benötigt. Die Antworten: vorbereitet sein, sich schnell umstellen können, das digitale Zeitalter annehmen. Rohan Silva, der die zweite Masterclass gemeinsam mit Léa Steinacker, Digital Scout der WirtschaftsWoche leitet, betont wie wichtig ein Mindset sei, neue Dinge auszuprobieren, aber auch Projekte zu stoppen, die nicht funktionierten.

In der Podiumsdiskussion mit den Jury-Mitgliedern der Vordenker-Community, moderiert von WiWo-Ressortleiterin Astrid Maier, verrät Smart-Chefin Annette Winkler, wie sie sich im Alltag 45 Minuten am Tag freihält – zum Reflektieren, was gut gelaufen ist und was nicht, und zum Vordenken. Helene von Roeder, Deutschland-Chefin der Credit Suisse, wiederum erzählt wie sie sich mit einer Mitarbeiterin über drei Monate „regelmäßig gezofft“ habe, die sie und ihre Arbeit immer wieder in Frage gestellt habe. Was sie aber dazu gebracht habe, das eigene Selbstverständnis zu schärfen. Meckel und Kratz betonen beide, dass Vielfalt Vorbilder brauche, die Unterschiede wertschätzten und eine offene Diskussionskultur förderten.

Die Grenzen von Zahlenanalysen

Ex-Politikberater Silva schildert in seinem Vortrag, wie sich auch der vermeintlich behäbige Politikbetrieb die Digitalisierung zunutze machen kann. So sei es durch gezielte Standortpolitik gelungen, die Zahl der Start-ups und IT-Firmen in East London in nur drei Jahren von 200 auf 2500 weit mehr als zu verzehnfachen. Weil der britische Staat seine Datenbestände über ein eigenes Portal frei zugänglich machte – Stichwort Open Data – konnten eine Reihe von Unternehmen ganz neue Geschäftsmodelle und Servicebcg-vordenker-at5i4699s entwickeln.

Schließlich erklärt EnBW-Chef Frank Mastiaux im Gespräch mit Wiwo-Chefredakteurin Meckel, warum er sich bei seinen Entscheidungen nicht nur auf Zahlenanalysen verlässt. Stattdessen versuche er Feedback aus der gesamten Organisation einzuholen, etwa über einen eigenen Blog oder regelmäßige Mittagessen mit Mitarbeitern – „um den Abstand zu verkürzen zu denen, die es wissen müssen“. Damit scheint bei Topmanager Mastiaux dieselbe Erkenntnis auf, die bereits Erfolgsfußballerin Künzer formuliert hatte: nicht der Mittelpunkt von allem zu sein.

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Hier können Sie das Interview mit Frank Mastiaux lesen.